[Quelle: Handbuch "Wissenswertes über Niederquembach" von Werner Wenzel, 1980]
Wer über die Wesensart der Ouembacher nachdenken möchte, der kann
an der Frage, warum sie von ihren Nachbarn "Guggugger"
genannt werden, nicht vorübergehen. Oft ist darüber gerätselt
worden, und viele Möglichkeiten, wie diese schelmische Bezeichnung
entstanden sein mag, sind schon diskutiert worden.
Mir scheint die
Version, die eine mehr zufällige Begegnung einer Niederquembacherin
und einer Oberquembacherin an der Gemarkungsgrenze "em Pingstgroawe"
beschreibt, der Wahrheit am nächsten zu kommen. Man muss wissen,
daß manche Niederquembacher oft gezwungen waren, Gras zum Verfüttern
an das Vieh und Laub zum Streuen als Strohersatz im Wald zu holen,
da ihr karger Boden kaum einmal ausreichende Ernten erbrachte. Als
es in der Niederquembacher Gemarkung wieder einmal nicht mehr viel
zu holen gab, muss die Niederquembacherin wohl mehr versehentlich,
denn in diebischer Absicht auf Oberquembacher Gebiet geraten sein.
Darüber jedoch soll dort eine begüterte und resolute Bauersfrau
gar nicht erbaut gewesen sein. Sie versuchte daher auch energisch,
der Nachbarin die eindeutige Rechtslage klarzumachen und sie zu
bewegen, sich unverzüglich aus den fremden Gefilden zurückzuziehen
und ihr Vieh gefälligst mit dem zu versorgen, was in der heimatlichen
Flur zu finden sei. Vielleicht wären beide ja wieder in Frieden
ihrer Wege gegangen, wenn die Oberquembacherin ihre um ihr hungerndes
Vieh besorgte Nachbarin nicht so unverzeihlich gekränkt hätte.
"Ihr seid wey die Guggugger unn suchd als nur fremd Näester!" soll
sie unnötigerweise bei der Verabschiedung geschimpft haben. Das jedoch
war für die wackere Gras- und Laubsucherin aus Niederquembach
eine unerträgliche Herausforderung. Und da sie nicht gerade auf den
Mund gefallen war, soll sie schlagfertig zurückgeschleudert haben:
"Wann mihr die Guggugger sei, dann seid ihr die Gamphoijer!"
Wie dem auch sei, in früheren Jahren durfte kein Fremder die
Niederquembacher "Guggugger" nennen, und gar manche Episode ist
überliefert, die der Ruf "Guggugg!" ausgelöst hat.
Da wird von einem
Niederquembacher berichtet, der als Briefträger seinen verantwortungsvollen
Dienst in Philippstein versehen mußte. Als die Schulbuben
gemerkt hatten, daß besagter Quembacher Briefträger nach seiner
anstrengenden Tour von Braunfels nach Philippstein nicht mehr ganz
bei Atem war, da versteckten sie sich an einem herrlichen Februarmorgen
um die Jahrhundertwende hinter dem alten Backhaus und
riefen gekonnt und beinahe naturgetreu: "Kuckuck, Kuckuck!"
Unser Briefträger freute sich, wie konnte es anders sein, als
echter Quembächer an den lieblichen Gesang, wunderte sich aber
doch ein klein wenig, daß zu so früher Jahreszeit schon das so
vertraute Lied erklang. "Na ja!", so mag er wohl gedacht haben,
"die Natur denkt sich doch immer wieder wahre Wunder aus." Als
sich am nächsten Morgen aber das Spielchen wiederholte, da wurde
er doch ein bißchen stutzig. Und dann, als er plötzlich das
spitzbübige Gesicht des unvorsichtig gewordenen Übeltaters
hinter der Hauswand hervorlugen sah, da war's geschehen: die Brieftasche
hin, und nichts wie hinter diesem Menschen, der es gewagt
hatte, einen Quembächer so zu beleidigen, her. Der Knabe aber war,
so ist es glaubhaft überliefert, schneller, und unserem geplagten
Landsmann blieb nach seiner vergeblichen Verfolgungsjagd nichts
anderes mehr übrig, als tief gekränkt seine inzwischen weitverstreuten
Briefe wieder einzusammeln.
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